Gallerie-Hintergründe

Last update Saturday, 17 February, 2007
Version 3.8 - Optimized for MS Explorer and 768x1024

Auzug:

Robert Sallmann in Amriswil kopierte das Tagebuch seines Urgrossvaters für dessen Nachkommen,
Weihnachten 1987
 

                                   Das Tagebuch
                                           von
                            
Johann Joseph Sallmann
                                     1823 - 1871

verfasst während und nach seiner Flucht
von Sachsen in die Schweiz
1849

Aufzeichnungen von Joseph Sallmann aus Limbach (Sachsen)

Freitag, 11. Mai 1849.
Abreise von zu Hause nach der Schweiz.
Die Gefühle eines Gatten und Vaters, welcher seine Familie verlassen muss, unbestimmt, ob er sie jemals wieder zu sehen bekommt, lassen sich wohl schwer mit Worten ausdrücken, doch zwang ich mich, ganz gefasst zu sein, um meine Lieben nicht noch mehr zu betrüben. Mein Freund Karl Ulbricht führte mich an diesem Tag bis Schnoelle.

Den 12. Mai führte mich K.U. bis Gera. Hier treffe ich einen Leidensgefährten namens Zapf. Mittags fahren wir mit einem Lohnkutscher weiter bis Jena, wo wir abends mit der Post sogleich weiter reisen.

13. Mai.
Früh kamen wir in SchwarzburgRudolfstadt an, um 5 Uhr fahren wir weiter, die Stadt liegt im tiefsten Schlaf, wir koennen nicht einmal etwas zu essen oder zu trinken bekommen, ich nehme daher Zuflucht zu meiner Reisetasche, packe die Butterbemmen und Wurst aus, welche mir die gute Julia eingepackt hatte und obschon sie etwas vertrocknet sind, schmecken sie mir doch vortrefflich; wir hoeren nichts als das eigentümliche Rufen der Wachen raus. Um 12 Uhr kamen wir in Neudietendorf, einer Herrenhuter Brüdergemeinde an, um 1 Uhr geht von da die Eisenbahn nach Eisenach ab, wo wir um 2 Uhr ankamen. Wir sehen die alte graue Wartburg in der Ferne und denken an den grossen Luther, wie ja auch er hier verweilen musste wider seinen Willen. 1/2 drei Uhr besteigen wir den Zug und morgen 5 Uhr abends, wenn wir also 26 Stunden ununterbrochen fahren, sind wir in Hanau.

Den 14. Mai.
Früh 4 Uhr haben wir das angenehme Vergnügen, 1/4 Stunde vor Fulda umzuwerfen. Es waren 18 Personen in den Wagen, von welchen mehrere beschädigt waren, auch mein Freund Zapf. Ich kam gesund davon. Wir kamen abends 7 Uhr in Hanau an und mussten deshalb übernachten.

Den 15. Mai.
Früh 8 Uhr fuhren wir von Hanau ab nach Frankfurt per Eisenbahn und kamen Mittags 1 Uhr in Heidelberg an. Hier sehen wir mit eigenen Augen, was man in Frankfurt nur als Sage betrachtete, dass nämlich in Baden Militär und Bürger sich vereinigt, um die Reichsverfügung durchzusetzen und noch einige politische Vorteile zu erringen. Der Grossherzog war in der folgenden Nacht entflohen und es hatte sich eine provisorische Regierung gebildet und Karlsruher Bürgerschützen hatten die Bahnen besetzt. Man vermutete gleich den Zweck unseres Hierseins, man brachte uns zu essen und zu trinken, man liess uns hochleben und bat uns herzlich, hier zu bleiben und Waffen zu nehmen, welches wir natürlich ausschlugen. Man wünschte uns herzlich glückliche Reise, dann gings weiter nach Karlsruhe. Hier wiederholte sich das alte Spiel von Heidelberg. Wir fuhren bis nach Offenburg, wo wir übernachteten.

Den 16. Mai früh 8 Uhr.
Weiterreise bis Freiburg, wo wir eine Stunde aussteigen, um den nächsten Zug zu erwarten. Unter ungeheurem Jubel zog hier ein Regiment Soldaten ein, welches ebenfalls die Offiziere verjagt und neue gewählt hatte, um mit dem Volk Hand in Hand zu gehen. Ach das Herz wollte mir zerspringen, wenn ich an unser sächsisches Militär dachte, welches frech auf seine Brüder schiesst. Abends kamen wir in Basel an; hier war alles sehr teuer und ich musste für eine Nacht mit Abendessen 2 Gulden bezahlen. Ich reiste daher, nachdem ich nach Hause geschrieben hatte, sogleich weiter.

Den 18. Mai früh.
Ankunft in Zürich. Ich dankte Gott, den Boden meines mir sonst teuren Vaterlandes im Rücken zu haben und mich in einem Lande zu befinden, wo nicht Militär, sondern ein vernünftiges Recht herrscht. Ich bestieg einen Kahn und fuhr in Gesellschaft eines Schiffers auf die Mitte des Sees, wo man eine herrliche Aussicht in verschiedene Alpentäler und auf Schneeberge hat. Trotzdem reiste ich weiter nach Winterthur. Unterwegs, nahe bei W. fiel mir ein, dass hier Herr Franz Bohme aus Limbach wohnen müsse. Als ich eben nach ihm frage, stehe ich zufällig vor seinem Haus. Natürlich besuchte ich ihn und wurde aufs freundschaftlichste aufgenommen. Ich musste diesen Tag und die Nacht bei ihm bleiben und ihm die Ereignisse unseres Vaterlandes erzählen. Er ersuchte mich hierauf, mich dragodophieren zu lassen und fertigte drei Exemplare meines Portraits, wovon ich eines mitnahm und einen Gulden bezahlte. Eines behielt er und eines sein Schwager Herr Sulzberger, welch` letzterer mir das Winterthurer Schulhaus zeigte, worin ich ein sehr gutes Naturalienkabinett und eine sehr gute Landkartensammlung gefunden habe. Beide wollten das Bild eines deutschen Freiheitskämpfers besitzen. Ich war gerade ein Tag bei B. von Freitag 11 Uhr Vormittag bis 101/2 Uhr Samstag, wo dann die Post nach Frauenfeld abging, mit welcher ich dann fuhr und wo wir Mittags um ein Uhr ankamen. Sogleich reiste ich weiter über Weinfelden und Sulgen und kam Sonnabend den 19. Mai 1849 in Donzhausen an. Hier fand ich meinen Schwager C. Aurich an seinem Stuhl arbeitend, sowie auch einen Sohn von Friedr. Steinbuch aus Limbach: Letzterer erkannte mich nicht sogleich, jedoch Carl erkannte mich sofort. Die Soehne und Herr Sauter errieten im ersten Augenblick, dass ich geflüchtet sei. Ich musste es natürlich zugestehen. Der Empfang von der ganzen Familie war ein freundschaftlicher; ich wurde mit grosser Artigkeit und Gastfreundschaft behandelt und werde vorläufig nichts tun koennen, als einen Brief von zu Hause zu erwarten, um danach einen Entschluss für meine künftige Beschäftigung fassen zu koennen. Ach, es ist ein so unendlich bitteres Gefühl, wenn man sich keiner Schuld bewusst, flüchtig wie ein Verbrecher in die Welt hinausgestossen, getrennt von denen, welche man so sehr liebte, getrennt von Allem, was einem wert und teuer, getrennt von einem ziemlich guten Einkommen sein Brot in der Fremde suchen muss, wenn man die Freiheit und Unabhängigkeit seiner Mitmenschen zu erkämpfen auszog, seine Existenz, seine Unabhängigkeit, seine errungene Selbstständigkeit verliert.

Der 24. Mai.
Nachdem ich mehrere kleine Arbeiten vorgenommen, z.B. eine Kette geschert, Handschuhe geschnitten etc. fahre ich heute mit H.C. Sauter nach St. Gallen, um vielleicht einige Geschäfte in baumwollenen Handschuhen zu machen, was mir aber nicht gelungen ist. Man befindet sich hier schon am Fuss der Alpen und während im Thal die herrliche Farbenpracht der Blumen wechselt, während die schon verblühten Obstbäume mit ziemlicher Bestimmtheit auf eine gute Ernte schliessen lassen, ist der hohe Säntis mit seinen kleinen Brüdern, den 7 Churfirsten, mit tiefem Schnee bedeckt und wie weisse Riesen blicken sie über das herrliche Land, bis in unser Doerfchen hinunter. Denn wenn wir einige Schritte vors Dorf gehen, so glauben wir 1/2 Stunde vom Schneeberg entfernt zu sein.

Den 25. Mai.
Ach, heute sind es 14 Tage, seitdem ich die liebe, liebe Heimat verliess, seitdem ich zum letzten Mal meine Kinder ans Herz drückte, ach, Zentnerlasten liegen auf meinem Herzen, denn seitdem ich den Boden der Schweiz betrat, hoerte ich noch keine Silbe von Sachsen. Immer wieder hoffe ich auf einen Brief von meiner Frau, von meinen Freunden, ach, keiner will kommen. Abends 6 Uhr erhielt Steinbuch einen Brief worin steht, es seien 100 Mann Militär in Limbach gewesen um die Führer abzuholen, sie hätten sich aber geflüchtet; auch mein Name war genannt. Mein Gott; wenn die rohen Soldaten vielleicht unser Haus durchsucht, wenn sie vielleicht meine Familie roh, unmenschlich behandelt hätten, ach, mein Kummer erreicht den hoechsten Grad.

Den 26. Mai.
Immer hoffe ich vergebens auf einen Brief und immer steigert sich meine Besorgnis und Angst.

Den 27. ersten Pfingstsonntag:
Heute herrscht hier tiefste Ruhe, denn es ist heiliger Tag. Alles stroemt nach der Kirche, um das heil. Abendmahl zu geniessen. Kein Kaufladen, keine Wirtschaft wird heute geoeffnet, in heil. Stille vergeht der Tag. Ich mache mir das Vergnügen, unser liebes Donzhausen abzuzeichnen, um, wenn ich vielleicht bald wieder nach Hause kann, den Ort zu besitzen, wo ich so viele Leiden des Herzens ertragen.

Den 28. Mai, 2ter Feiertag.
Heute gehen wir mit Karl und Conrad Sauter nach Konstanz, der alten Conciliumsstadt, wo Huss, der Freiheitskämpfer des Glaubens sein Leben auf dem Scheiterhaufen geendet. Ich war der festen Hoffnung, sächsische, vielleicht deutsche Zeitungen zu finden, leider ist mir dies nicht gelungen, nur die schwarzgelbe Augsburgerin war zu finden, welche die Vorgänge in Dresden in einer Weise erzählte, welche mir das Blut ins Gesicht trieb. Auf dem Nachhauseweg hatte ich das traurige meiner Lage ziemlich vergessen, denn wir hatten einige Schoppen Wein, welcher hier 3 Kreuzer kostet und ungefähr 1 Stoessel reichlich enthält, getrunken. Wir kamen froehlich und guter Dinge Abends 9 Uhr wieder zu Hause an, aber nicht etwa betrunken.

Den 29. Mai.
Heute hoffte ich mit Bestimmtheit auf einen Brief, leider immer wieder vergebens. Noch ist mir keine bestimmte Beschäftigung zugewiesen und ich habe noch nicht mit Herrn S. darüber gesprochen, ob ich hier Arbeit finden werde oder nicht, noch immer hoffe ich, dass mir ein Brief von meinen Freunden die frohe Botschaft bringen soll, ich koenne bald wieder zurückkehren zu meiner geliebten, trauernden Familie. Ach, stundenlang sind meine Gedanken nur bei Euch, meine Kinder, meine Gattin, Geschwister und Freunde; immer schwebt meinem Geist der eine oder andere Freund vor, immer denke ich, was wird dieser oder jener zu meinem Unglück sagen? Wird man mich bedauern oder wird man mein Schicksal ein verdientes nennen? Was werden meine guten Lieben machen, werden sie gesund sein? Werden sie dem, der sie so unglücklich machte, zürnen; das sind die Gedanken, welche mir Tag und Nacht wirr im Kopfe kreuzen. Ach, noch immer bin ich der süssen Hoffnung voll, ein Brief von zu Hause werde mir melden, dass ich gar nichts zu fürchten hätte, aber welche Gefühle werden in mir wach werden, wenn man mir meldet, ich werde verfolgt und müsse die Heimat für immer vielleicht meiden. Für immer? Nein, das ist nicht moeglich, nein, mein Volk, meine Mitbürger sie werden den erbärmlichen Zustand des Militärdespotismus nicht für immer ertragen koennen, es wird eine Zeit kommen, wo Gesetz und Ordnung weder von unten noch von oben verletzt und mit Füssen getreten wird und dann wird das Volk seine alten Freunde nicht vergessen. Tief fühle ich es, dass mein Wohlbefinden einen schweren Schlag erleidet, schwer liegt es auf meinem Herzen, dass ich nicht allein diesen Schlag tragen kann, dass vielleicht der groesste Teil dessen meine Familie trifft, ach; wenn diese Mangel leiden müsste, vor dem ich sie momentan nicht schützen kann, dies, ja dies wäre das Schrecklichste was mich treffen koennte, das würde mich zu Boden drücken. Doch das Vertrauen auf Gott den Allvater, Allerbarmer, vor dem ich ja mit unbeflecktem Gewissen mein Auge noch erheben, mein Herz noch ausschütten kann, er wird die nicht verlassen, für die mein Gebet täglich, stündlich so heiss emporsteigt, er wird ihnen Trost verleihen und die Arbeit ihrer Hände segnen.

Mittwoch den 30. Mai.
Ach, immer wieder kein Brief und, im "Wächter" (eine Zeitschrift, welche täglich erscheint) kein Wort von Sachsen, immer mehr steigert sich meine Besorgnis, ob auch meine Briefe angekommen sind. Meine Beschäftigung ist heute Handschuhschneiden.

Den 31. Mai.
Mit der Hoffnung: "Heute kommt gewiss ein Brief', fange ich den Tag an, natürlich schliesst sich daran die Hoffnung, der erwartete Brief werde mir die frohe Nachricht bringen, dass erstens sich meine gesamte Familie wohl befinde und zweitens, dass ich bald den Weg nach Hause antreten kann. Aber leider immer wieder kein Brief, meine Phantasie malt mir die schwärzesten Bilder vor, z.B. koennte nicht meine Familie von den Preussen misshandelt sein? Wirst Du sie jemals wiedersehen?

Den 3. Juni.
Endlich heute wird der innigste Wunsch meines Herzens gestillt, endlich erhalte in einen Brief mit der frohen Nachricht, dass meine Briefe angekommen sind und dass sich alle meine Lieben wohl befinden, wofür ich Dir, gütiger Gott, von ganzem Herzen Dank bringe. Aber auch mit tiefem Schmerz erfüllt mich die Nachricht, dass so viele wackere Männer unseres lieben Vaterlandes in dunkeln Kerkern schmachten und sogar Bekannte von mir dieses herbe Los getroffen hat.

Den 4. Juni.
Briefe nach Hause zu schreiben war heute meine Beschäftigung, aber die Furcht, dass diese wahrscheinlich aufgefangen würden, liessen mich mein Herz nicht so ganz ausschütten. Man wird mich in mancher Beziehung nicht verstehen, aber wenn ich nach Hause komme, dann werde ich erklären, was jetzt dunkel geblieben sein koennte.

Den 5. Juni.
Heute Abend gegen 7 Uhr fühlte ich dass meine linke Hand gelähmt war, ein Zeichen, dass sich mein alter Kopfschmerz wieder einstellte, was dann auch wirklich geschah; ich hatte tüchtige Kopfschmerzen und Schwindel.

Nachtrag zum 3. Juni.
Heute wohnte ich einer Wahlversammlung in Bürglen bei. Es wurden drei Mitglieder zum Verfassungsrat gewählt, d.h. eine Behoerde, welche die Verfassung des Kantons Thurgau revidiert und reformiert. Die Haltung dieser Versammlung war ziemlich gut.

Den 7. Juni.
Sollte mir nur eine Stunde vergoennt sein, in der Mitte meiner Familie zu verweilen oder sollte ich nur die Gewissheit besitzen, wenn ich wieder ohne Gefahr nach Hause zurückkehren koennte und ich wollte ruhig sein. Aber die finstere Ungewissheit, in welcher ich schwebe, sie malt mir meine Zukunft so ungeheuer schwarz und doch auch wieder in manchen Augenblicken so angenehm. Zuweilen denke ich, ach, ich werde vielleicht jahrelang von zu Hause weg sein müssen und gleich darauf lächelt mir die Hoffnung einer baldigen Rückkehr.

Den 10. Juni.
Heute träumte es mir zum ersten Male und zusammenhängend von meinen Kindern. Zwar konnte ich nicht mit ihnen sprechen, aber ich habe meine beiden Knaben Ernst und Otto ganz deutlich im Hemdchen im Garten herumspringen sehen. Ich sass im Traum mit Herrn Georg Sauter in Schmids Garten im Kändler und erzählte ihnen jene Geschichte, wie man bei einem Maskenball Kaiser Joseph an seine Sterblichkeit erinnerte. Während dieser sah ich meine Kinder im Garten meiner Eltern herumspringen, ich durfte aber nicht hinauf zu ihnen, weil man mich fangen wollte. Übrigens ist heute regnerisches Wetter, ich werde den heutigen Sonntag benutzen, mich in Gedanken an meine Familie zu unterhalten, an diese einen Brief zu schreiben, welchen ich mit meinem nächsten Schreiben absenden will.

Den 11. Juni Montags.
Das Verlangen, Zeitungsnachrichten aus Sachsen zu haben, veranlasste mich heute, mit Herrn C. Sauter wieder nach Konstanz zu fahren; es ist mir jedoch nicht gelungen, etwas Neues aus Sachsen zu erfahren. Die frohe Nachricht aus Stuttgart kam mir aber zu, dass die Nationalversammlung sich konstituiert habe und dass ein Vollziehungsausschuss gewählt worden sei; vielleicht erbarmt sich Gott des armen Deutschland dennoch. Schon freue ich mich sehnlichst wieder auf einen lieben Brief aus der Heimat, ich erwarte den nächsten künftigen Sonntag, ach, wenn er mir die Nachricht brächte, ich solle nach Hause kommen!

Den 12. Juni.
Nachmittags stellte sich ganz unerwartet mein altes Kopfleiden zum 2ten Male seit ich hier bin ein; ich weiss nicht, was ich denken soll, in 14 Tagen zum z. Mal; so oft ist mir diese Krankheit in meinem Leben nicht zugestossen, aber von heute ab will ich wieder Wasser trinken.

Den 14. Juni.
Die Hoffnung, bald wieder in die Heimat zurückzukehren ist heute einmal recht stark in mir. Es scheint mir ganz leicht moeglich, dass vielleicht der nächste Brief mir die Nachricht bringt, ich solle nach Hause kommen, aber leider hält die Hoffnung immer nicht lange, und es foltert mich die Furcht, ich koenne vielleicht gar nicht zurückkehren, und sie tritt nach der Hoffnung Futterstrahlen immer um so greller hervor. Wenn ich so denke, welchen fürchterlichen Kummer ein Koenig über sein Volk bringen kann, da schwindelt mir der Kopf, nein, nicht nur meine Kinder beweinen ihren Vater, nein, tausend andern wühlt gleicher Schmerz im Busen. Ach, müsstest du ihn nur eine Stunde fühlen den Schmerz, den du gekroenter Barbar über den groessten Teil deines Volkes bringst. Doch es wird auch für Dich einst die Stunde des Gerichtes schlagen. Vielleicht ziehen jetzt schon die Schatten der gemordeten Freiheitskämpfer an deinem erwachten Gewissen vorüber und zeigen Dir ihre klaffenden Wunden, erheben drohend die Hand und fordern Genugtuung von Dir. Aber war es auch wirklich der Koenig, der dieses Elend herbeiführte über sein Volk? War es nicht jene Rotte der reaktionären Aristokraten, welche den Verlust ihrer Vorrechte fürchtend, die Rechte ihrer Mitbürger in den Staub getreten haben? Und wer führte den eigentlichen Kampf? Wer waren die Verblendeten, welche auf ihre Brüder und Väter feuerten? Waren es nicht Soehne des Volkes. Ja, Soehne des Volkes, entartete Soehne, denen das Wort Vaterland ein leerer Schall geworden war, welche nicht bedachten, dass sie der Kern des Volkes sein sollten, und dass sie nach wenig Jahren ins Volk zurücktreten müssten und dann die Fesseln selbst tragen müssen, welche jetzt von ihnen geschmiedet werden.

Den 16. Juni.
Fürchterlich wurde ich heute aus meinen süssen Träumen, bald in der Heimat zu sein, aufgeschreckt, denn heute erhielt ich die traurige Nachricht, dass auch ich steckbrieflich verfolgt sei, dass ich des Hochverrats beschuldigt sei.

Wie ich zu dieser Ehre gekommen, das ist mir ein Rätsel.

Nennt man es vielleicht Hochverrat, wenn ich gesagt habe, die Reichsverfassung sei rechtsmässiges Eigentum des deutschen Volkes? Oder wenn man sein Eigentum verteidigen will? Doch steckbrieft nur, ihr hohen Herren der Reaktion, ja, steckbrieft nur, solange euer menschenfeindliches Inquisitionsverfahren noch gehandhabt wird, solange habe ich keine Lust, mich vor eure Gerichtsschranken zu stellen; während ich keine Untersuchung scheue sobald sie oeffentlich und mündlich geführt wird. Vor Geschworenen wollt ich mit freudigem Herzen stehen, denn ich bin mir keiner Tat bewusst, für welche mir Strafe zuerkannt werden koennte, wenn nicht das Recht mit Füssen getreten wird.
Fahr hin, Gedanke an Glück! Vernichtet ist des Lebens letzte Blüte, Ins Vaterland kann ich nicht mehr zurück weil ich nicht vor Erdengoettern kniete; Weil alles ich gehasst, was Willkür heisst Man hämisch meines Lebens Glück zerreisst.
Und du, mein Sachsenvolk Für das so warm mein feurig Herz geschlagen Kannst du den fürchterlichen Koenigslohn, kannst du die ungemessene Schmach ertragen? ach, wie hab ich mich in Dir getäuscht so schwer, Wie ist dein Herz für Freiheit noch so leer!
Mein Volk ermanne Dich! Du weisst, auf einen Streich fällt nie ein Baum. Das Leben ist der Güter hoechstes nicht, Nein, ohne Freiheit ist es nur ein Traum. Geh hin und sprenge der Tyrannen Ketten Noch ist es Zeit, du kannst die Freiheit retten.

Den 18. Juni.
Heute zeichnete ich den sog. Burgstock, die Ruine einer alten Bergfeste an der Thur. Gebe Gott, dass so wie diese Wohnung der Zwangsherrschaft in Trümmer zerfiel, auch das ganze System der Willkür in Trümmer zerfalle und dafür ein freies, starkes, glückliches Bürgertum entstehe, welches nur in der Majestät der Gesetze seinen Herrscher, nur in einem vernünftigen Recht sein Heil sucht und findet.

Den 26. Juni.
Heute war ich mit Herrn C. Sauter in Weinfelden zum Kantonal Freischiessen. Hier sah ich nun freilich deutlich genug, welch grosser Unterschied zwischen einem Volksfest in einem unserer monarchistischen Staaten und einem solchen in einer Republik sei. Während bei unsern Festen für Ergoetzlichkeiten gesorgt ist, welche die Sinne befriedigen, aber den Geist abstumpfen, während besonders bei unsern Schützenfesten das Schiessen Nebensache ist und die Hauptsache darinnen besteht, sich durch glänzendes Auftreten in schoenen Kleidern zu zeigen, sah ich hier, dass man ausser dem Schiessen keine Ergoetzlichkeiten eingerichtet hatte. Aber mit welchem Ernst wurde das Schiessen betrieben! Mit allgemeinen Zurufen begrüsste man jeden ausgezeichnet guten Schuss. Bei Tische was das Essen gut und wurde durch gute Reden von einer errichteten Bühne gewürzt. Auch ich hielt hier meine "Jungfernrede" in der Schweiz; da ich mich aber auf dieselbe gar nicht vorbereitet hatte und natürlich ganz inmitten fremder Menschen war, so fiel dieselbe nicht ganz zu meiner Zufriedenheit aus, dennoch fand ich ziemlichen Beifall beim Publikum, wenigsten wurde heftig geklatscht.

Den 1. Juli. Bergreise nach Herisau.
Ein herrliches, freundliches Wetter begleitete uns heute hin in das freundliche Herisau, ein nettes angenehmes Städtchen im Kanton Appenzell. Ob auch die Freude ob der Entfernung von den lieben Meinen keine volle Geltung in meinem armen gepressten Herzen findet, so war ich doch von der wunderbaren Gegend recht angenehm berührt. Ganz besonders freute ich mich über die herrlichen Aussichten, welche mir zwei Berge gewährten, welche wir mit grosser Mühe bestiegen. Auf einem der Berge war ein Wirtshaus, wo wir recht freundlich und liebreich behandelt wurden. Aufs Angenehmste war ich überrascht, als ich eine Compagnie Knaben von 1014 Jahren in vollständig militärischer Uniform exercieren sah; sie hatten ordentliche Feuergewehre, Patronentaschen, Säbel, Tschako, kurz vollständige militärische Ausrüstung und es mochten ungefähr 8090 an der Zahl sein. Man erzählte mir, dass in allen schweizerischen Städten solche Einrichtungen bestehen und dass diese Knaben unter dem Namen Kadetten eine militärische Vorbereitung erhalten. Ich muss gestehen, die Knaben exercierten recht gut. Ich konnte mich des Gedankens an mein armes Vaterland nicht enthalten, wie ist es da anders, denn da trägt man leider Bedenken, Männern die Waffe in die Hand zu geben "weil man Unglück fürchtet " oh ihr Diplomatenseelen, habt ihr's so gut berechnet, alles zu vermeiden was eurer Geierherrschaft sich hindernd in den Weg stellen koennte  wie sucht ihr dem Kinde schon Furcht einzufloessen vor einer Waffe ; doch das Volk, es wird euer Lügengewebe einst ganz durchschauen, es hat es bereits durchschaut und es wird es zerreissen, so zerreissen, dass es euch nimmer gelingen wird, die morschen Fetzen wieder zusammenzuflicken.

Den 11. Juli.
Heute war ich mit Herrn C.S. in Konstanz, wo wir den Übertritt der badischen Freiheitsarmee mit ansahen. Es hat mich tief ergriffen, wie ich hier hunderte das Vaterland verlassen und im fremden Lande ein Asyl suchen sah. Es mochten 6 800 Flüchtlinge mit 18 Kanonen sein, welche hier den Schweizerboden betraten und entwaffnet ins Innere der Schweiz gebracht wurden.

Den 12. Juli.
Heute suchte mich ein Flüchtling aus Sachsen, A. Schmidt aus Zittau auf. Dieser hatte den Krieg in Baden mitgemacht und dabei eine bedeutende Blessur an der Seite erhalten, er hat sich in Ried einlogiert.

Den 15. Juli.
Heute suchten ich und Schmidt Herrn A. Helliger aus Aadorf auf der Liebburg auf, wir lernten in demselben einen recht guten Gesellschafter kennen und waren den ganzen Tag recht vergnügt.

Den 16. Juli.
Dieser Tag war ein merkwürdiger für mich, denn er brachte mir die Nachricht, dass meine gute Julie einen Knaben geboren habe und dass sie mit dem kleinen Joseph, welchen Namen er tragen soll, gesund und wohl sei. Die Gefühle, welche in einem liebenden Gatten und Vater sich regen, wenn er derartige Nachrichten bei einer gezwungenen Entfernung von 100 Meilen erhält, lassen sich nicht in Worten ausdrücken; nur wer selbst unglücklich war, nur der vermag ähnlichen Gefühlen Raum zu geben. Doch troestet mich der Hoffnung goldener Schimmer, längstens ein Jahr kann es dauern und ich werde meine Familie, also auch den neu eingewanderten Joseph wieder sehen, ob hier oder dort, das tut ja wenig zur Sache; denn überall ist gut Brot essen, wenn man solches hat und dann braucht wahre Liebe wenig, um glücklich sein zu koennen.

[Top]